Wie alles begann

Louis Pasteur

(*27. Dezember 1822 - †28. September 1895)

Pasteur studierte 1843-1846 Naturwissenschaften in Paris und erhielt im Jahre 1846 den Prof. für Chemie in Straßburg.

Er konnte durch seine Arbeit 1857 nachweisen, dass die Gärung ein Prozess ist, der von überaus winzigen Zellen als Resultat ihres Lebensfunktionen verursacht wird. 1863 gelangte er durch weitere Untersuchungen über Fäulnis zu der Einsicht, dass auch hier kleinste, einzellige Lebewesen am  Werk sind, die sich nur bei Abwesenheit von Sauerstoff durch Spaltung vermehren. War Luft vorhanden, erfolgte die Zersetzung (Verwesung) vor allem der Eiweißstoffe. Pasteur bezeichnete diese winzigen Mikroorganismen "Spaltpilze" - später nannte man sie "Bakterien" oder "Mikroben".

Von diesen winzigen Organismen wusste man nur, dass sie hitzeempfindlich sind. Er hatte die Idee, Lebensmittel zu erhitzen, um die nicht hitzebeständigen "Bakterien" abzutöten und sie damit keimfrei zu machen.

 

Der Versuch

Ein Schiff mit zwei Fässern Wein stach in See. Eines der Fässer wurde kurz vorher erhitzt, das andere nicht. Nach zehn Monaten kehrte das Schiff zurück. Wie von Pasteur erwartet war der vorher erhitzte Wein noch unverändert und schmeckte, das andere Weinfass war verdorben.

Seither nennt man das Erhitzen von Lebensmitteln "Pasteurisieren".

 

Im Verlauf seiner Forschung kam Pasteur zu der Annahme, dass auch gewisse Krankheiten durch Bakterien hervorgerufen werden. So entwickelte er die Immunisierung mit abgeschwächten Krankheitskeimen und fand eine Schutzimpfung für Hühnercholera, Milzbrand und vor allem gegen Tollwut.


Joseph Jean Baptiste Meister

(*21. Februar 1876 - †24. Juni 1940)

Zur Geschichte von Joseph Meister gibt es zwei Varianten. Variante 1 stammt von Louis Pasteur selbst und ist wohl in den gängsten Geschichtsbüchern zu finden. Jedoch fand der Historiker André Dubail heraus, dass Joseph Meister selbst einige Erinnerungen niedergeschrieben hatte die sich in einigen Details von Pasteur's variante unterscheiden. Ich möchte hier beide Varianten festhalten.

Pasteurs Erzählungen werde ich ergänzend in anderer Farbe darstellen.

 

Am 4. Juli 1885 wurde Joseph von seinem Vater um 5 Uhr morgens geweckt um aus dem Nachbarort Meisengott flüssige Hefe von der Brauerei zu holen. Pasteur behauptete, dass Joseph Meister in Meisengott zur Schule gegangen wäre, tatsächlich besuchte er jedoch die französisch-sprachige Schule in Steige und war deswegen so früh unterwegs, um noch vor Unterrichtsbeginn zurück zu sein. Pasteur sagt explizit, der Unfall sei um 8 Uhr passiert, was zu spät ist, da Joseph zu dieser Zeit bereits in der Schule hätte sein müssen.


Nahe des Ortszentrums wurde der 9-Jährige Joseph Meister von einem Jagdhund angefallen, der ihn erst in die Hand dann - nachdem er stürzte - in die Beine biss. Ein Schlosser eilte zur Hilfe und verjagte den Hund mit einer Eisenstange.
Pasteur behauptete, dass der Hundebesitzer sofort und als einziger zur Hilfe geeilt sei. Später kam der Besitzer des Hundes, Théohor Vonné dazu, der den Hund am Halsband zu fassen kriegte und in eine Garage sperrte - und dabei selbst gebissen wurde.  Joseph's Wunden wurden im Dorfbrunnen gesäubert, eine von Vonné's Töchtern flickte seine zerrissene Kleidung und Vonné selbst steckte Joseph eine Mark als Wiedergutmachung zu. Es brachte jedoch niemanden den schwer verletzten Jungen nach Hause, auf dem Heimweg musste er sich öfters setzen und sich ausruhen.

 

Laut Meister's Angaben und einem Zeitungsartikel (erschienen am 12. Juli 1885 in der Nouvelles alsaciennes) soll der Hund noch weitere Tiere und Menschen angefallen haben, jedoch wurde nichts diesbezüglich gemeldet. Théodor Vonné zögerte seinen wertvollen Jagdhund sofort zu töten und brachte ihn stattdessen zu einem Tierarzt in die 25km entfernte Schlettstadt. Jedoch versuchte der Hund auf dem Weg dahin weitere Menschen zu beißen und wurde deshalb von Gendarmen getötet. Vonné brachte den Kadaver des Tieres dennoch zum Tierarzt, der bei der Autopsie Heu, Stroh und Holzsplitter im Magen des Tieres fand, dies galt damals als sicheres Zeichen für Tollwut.

 

Joseph's Eltern brachten ihren verletzten Sohn zum nächsten Arzt, Eugène Weber in Weiler, der gegen 8 Uhr am Abend die Wunden mit Karbolsäure ausgespült hat. Während Vonné in Schlettstedt auf eine Kutsche wartete besuchte er ein Café, indem er von den Ereignissen berichtetete. Drei Männer erzählten von einem Chemiker namens Pasteur in der Zeitung gelesen zu haben; dieser soll in Tierversuchen gute Erfolge mit einer Tollwutschutzimpfung erzielt haben. Traditionell heißt es, die Empfehlung zu Pasteur zu fahren stamme vom Arzt Eugène Weber. Nachdem Vonné wieder zu Hause angekommen war, besuchte er die Familie Meister und erzählte ihnen von der Diagnose des Tierarztes und auch von dem Chemiker Pasteur aus Paris. Die Familie entschloss sich diesen Chemiker zu besuchen und fuhren noch am selben Abend nach Paris.  Am 5. Juli, einem Sonntag, machten sich Josephs Mutter mit ihrem Sohn sowie Théodore Vonné auf die lange Reise, passierten die Grenze nach Frankreich und nahmen in Saint-Dié einen Zug nach Nancy, dann nach Paris. Dort wollte man den Reisenden in mehreren Krankenhäusern die Adresse des in Medizinerkreisen umstrittenen Pasteur nicht nennen, bis sich Madame Meister schließlich durchsetzte. Sie erfuhren, dass Pasteur in der École normale supérieure in der rue d'Ulm tätig war.


Die Tollwut-Impfung

Pasteur hatte eine Methode zur Tollwutschutzimpfung entwickelt. Diese Methode funktionierte in Tierversuchen an Hunden und wurde sogar von einer Untersuchungskommission geprüft, worüber auch die Tageszeitungen berichteten. Zu dieser Zeit wusste jedoch keiner, dass er dies bereits an zwei Menschen erprobt hatte aber diese Tests aus unterschiedlichen Gründen abbrechen musste. Diese Information entdeckte Gerald L. Geison in Pasteur's Labortagebüchern. Pasteur hatte laut der Tagebücher sein Verfahren zur Impfstoffherstellung verändert, das veränderte Verfahren jedoch noch nicht ausreichend im Tierversuch erprobt. Diese Frage ist umstritten. Pasteur selbst stellt sein Verfahren als an insgesamt 50 Hunden ausreichend erprobt dar. Die meisten dieser Experimente beziehen sich jedoch noch auf das alte Verfahren. Die Experimente zur abgeänderten Weise der Impfstoffherstellung liefen noch. Insbesondere hatte Pasteur immer erst den Impfstoff verabreicht und dann die Versuchstiere mit Tollwut infiziert, während in der Behandlung von Menschen notwendigerweise die Impfung auf die Infektion folgt.  Am 12. Juni 1885 lehnte Pasteur zwei Personen ab, die ihn um  eine schriftlich vorgeschlagene Behandlung baten.

 

Am 6. Juli 1885 saßen nun die zwei Bissopfer, Théodor Vonné und Joseph Meister vor ihm. In Vonné's Fall stellte sich schnell heraus, dass die Hundebisse nicht durch das Hemd gedrungen waren und somit nicht die Haut verletzt hatten und er wurde von Pasteur nach Hause geschickt. Joseph jedoch wurde an Hand und Beinen von dem Hund verletzt.

 

Eine damalig eindeutige Diagnose hätte nur stattfinden können, wenn man gewebe des tollwut-verdächtigen Hundes auf ein Kaninchen überträgt. Dies war jedoch nicht möglich, da der Kadaver nicht verfügbar war, die Ergebnisse der Autopsie galten nur als Indiz auf eine Tollwut. Nach Pasteur's Aussage wird nur jeder zehnte Mensch, der von einem tollwütigen Hund gebissen wird auch tatsächlich infiziert.  Diese Tatsache wird im Zusammenhang mit den Ereignissen um Joseph Meister weder von Pasteur noch von der Literatur bis Geison thematisiert. Die Ereignisse werden immer so dargestellt, als ob Meister ohne Behandlung der sichere Tod erwartet hätte. Pasteur selbst schreibt wider besseren Wissens: „Der Tod dieses Kindes erschien unvermeidbar […] .“

Joseph Meister hätte also mit 90%iger Wahrscheinlichkeit auch ohne die Tollwutimpfung überlebt, wäre aber im Falle einer tatsächlichen Infektion angeblich gestorben.


Die Behandlung von J. J. Baptiste Meister

Louis Pasteur entschied sich für eine Behandlung. Da er kein Arzt war, war er für diese jedoch nicht berechtigt. Also holte Pasteur zwei befreundete Ärztekollegen von der Akademie für Wissenschaften aus einer laufenden Sitzung. Diese Ärzte, Vulpian und Grancher, bestätigten Pasteurs Diagnose. Vulpian und ein Mitarbeiter Pasteur's Roux verweigerten die Behandlung mit seiner Tollwutschutzimpfung, Grancher jedoch injizierte dem 9-Jährigen Jospeh den Impfstoff. Da Pasteur keine Belegbetten im Krankenhaus zustanden liess er Joseph und seine Mutter im Laborgebäude der Rue Vauquelin zwei Betten herrichten.

 

Pasteur's Impfstoff war eine Emulsion aus dem getrockneten Rückenmark eines tollwütigen Kaninchens, je länger dieses Rückenmark getrocknet wurde desto weniger virulent waren die Viren des Lebensimpfstoffes. Am Abend des 6.Juli 1885 - also 60 Stunden nach der vermutlichen Infektion - wurde Joseph eine halbe Parvaz-Spritze mit der Emulsion verabreicht, das Kaninchen das für diese Emulsion genutzt wurde starb 16 Tage zuvor an Tollwut.

In den nächsten 10 Tagen, also bis zum 16. Juli 1885 bekam Joseph noch weitere 13 Spritzen mit immer frischerem Rückenmark injiziert. In Übertragungsexperimenten auf Kaninchen erwies sich der Impfstoff aus den ersten sieben Impfungen als nicht virulent, die späteren Impfstoffgaben waren zunehmend virulent. Die Kaninchen, die zur Kontrolle Impfstoff aus den letzten beiden Injektionen erhalten hatten, erkrankten bereits sieben Tage später an Tollwut.

 

Bei der letzten Impfung wurde eine Emulsion verwendet, dessen Rückenmark nur einen Tag getrocknet war, dieser war also voll mit virulenten Tollwutviren. Pasteur selbst spricht davon, dass die übertragenen Viren virulenter als die von tollwütigen Straßenhunden gewesen seien. 


Der italienische Wissenschaftshistoriker Antonio Cadeddu hat in diesem Zusammenhang auf ein medizin-ethisches Problem hingewiesen: Mindestens die letzten drei Impfungen waren nicht mehr durch die Behandlung motiviert, sondern Pasteur nutzte die Gelegenheit zu einem Menschenversuch, ob der Junge durch die vorhergehenden Impfungen tatsächlich gegen Tollwut immun geworden war. Angesichts der Tatsache, dass Joseph Meister bei dem vorausgegangenen Unfall mit hoher Wahrscheinlichkeit NICHT infiziert worden war, war das nach dem Urteil von Cadeddu moralisch nicht gerechtfertigt.

 

Joseph Meister blieb gesund! Louis Pasteur gab die Behandlung von Joseph Meister, sowie die begonnene Behandlung eines zweiten Menschen – des Schäfers Jean-Baptiste Jupille – am 26. und 27. Oktober vor den Akademien der Wissenschaften und der Medizin bekannt und verursachte damit international eine Sensation.